Der „Knigge“: Tischsitten und Manieren bei den Römern

Rose und Jack. Kannst du dich noch erinnern? Mittlerweile verschmachte ich zwar nicht mehr vor Sehnsucht, wenn ich Leonardo di Caprio – arm, aber schön – um das Herz seiner Rose kämpfen sehe. Seit Titanic weiß ich aber zumindest eines – dass man sich im Besteckchaos bei Tisch schön von außen nach innen vorarbeitet. Bildungsauftrag erfüllt.

Auch bei den Römern kann nicht jeder, wie er will. Hier herrschen nämlich ebenfalls strenge Tischsitten, die man tunlichst befolgt, wenn man seinen guten Ruf nicht verspielen will. Das fängt schon beim Tischdecken an:

Mise en Place: Der gedeckte Tisch

Was benötigt man, um ordentlich zu essen? Prinzipiell nur einen Becher, eine Schale und Besteck. So ungefähr sieht es auch bei Schuster’s oder Müller’s am Tisch aus – spartanisch und nur mit dem Notwendigsten gedeckt: Grobe Tonschalen, Becher und Holzlöffel.

Edler wird in den Villen und Stadthäusern der oberen 10.000 diniert: Die Gerichte werden auf so genannter Terra Sigillata („Gebrannte Erde“) serviert – edle, mit Stempeldekor verzierte und mit einer glänzenden Glasur überzogene Tonschalen. Auch Schälchen aus Glas oder Metall finden Verwendung. Passend zum Service gibt es Trinkgefäße, Servierteller, Weinkaraffen und Besteck aus denselben teuren Materialien.

Wobei man sich das Besteck eigentlich auch gleich sparen kann – es wird nämlich ohnehin meist links liegen gelassen.  Nach römischem Knigge wird nämlich vor allem mit den Fingern gegessen – soweit das möglich ist. Die Gerichte werden in mundgerechten Häppchen als Fingerfood serviert – mehr dazu in meinem Beitrag Tapas im antiken Rom. Höchstens einen Löffel mit am anderen Ende zugespitzem Griff zum Aufspießen von Fleischstücken nimmt man zur Hilfe. Gabeln gibt es sowieso noch nicht – sie sind eine „Erfindung“ der frühen Neuzeit.

Wer jetzt noch patzerfrei im Liegen speisen kann hat die römische „Knigge“-Prüfung bestanden. Was uns zum nächsten Thema führt:

Haltung bewahren bei Tisch

Machen wir uns nichts vor: In den Haushalten der gewöhnlichen Leute wird nicht im Liegen gespeist. Es wird wie heute auf Stühlen Platz genommen – und im Sitzen gegessen.

Anders ist das in Cäsar’s Kreisen: Hier wird nach dem Motto „Im Liegen schmeckt’s noch besser!“ ausgestreckt auf Récamieren Platz genommen. Diese „Triclinia“ genannten Speisesofas werden sitzgruppenartig um einen zentralen, niedrigen Tisch angeordnet. Das hat mehrere Vorteile: Man sieht alle, hat’s nicht weit zum Essen – und kann auch mal unauffällig wegdösen, wenn der Gastgeber langweilige Anekdoten zum Besten gibt.

Für den Nachschub sorgen fleissige Sklaven: Sie tänzeln zwischen den Liegen umher, füllen leere Becher, reichen Servietten oder Waschwasser für die fettigen Hände und tragen die verschiedenen Gänge auf. Apropos Gänge: In meinem Beitrag Die römische Küche: Eine kleine Einführung erfährst du, wie so ein römisches Menü ausgesehen haben könnte.

Damenrunde: Der „Knigge“ für die römische Hausfrau

Während es bei Schuster’s am Tisch relativ entspannt zugeht und die gesamte Familie gemeinsam diniert, sind die Benimmregeln weiter oben in der gesellschaftlichen Hierarchie deutlich strenger.

Eigentlich soll die Dame des Hauses – ganz nach griechischem Vorbild – nämlich mit ihren weiblichen Gästen in einem separaten Raum speisen. Damit – könnten böse Zungen behaupten – die Herren unter sich sind, sich vollaufen lassen und unflätige Witze reißen können.

Schon Cato beklagt sich allerdings über die Frivolität und den Sittenverfall der römischen Frauen, die es ihren Männern recht bald gleich tun und sich nicht nur unter die Mänerrunde mischen, sondern – Jupiter bewahre! – auch noch ebenso tief ins Glas schauen.

Gastmahl: Völlerei bis zum Abwinken?

Ein Gläschen in Ehren kann keiner verwehren, oder? Das römische Gastmahl und Trinkgelage  –Convivium und Comissatio – sind ein großes gesellschaftliches Ereignis, zu dem man Freunde, Geschäftspartner und Bekannte einlädt. Abgeguckt haben die Römer sich das vom Symposion der Griechen – dem Original, sozusagen.

Dass es dabei recht ausgelassen zugehen kann, liegt auf der Hand. Wenn die Griechen und Römer nämlich eines können ist es: Süße Trauben in leckeren Wein verwandeln. Und köstliche mediterrane Gerichte zaubern – du findest einige davon in meiner Rubrik römische Rezepte.

Da kann es schon mal notwendig sein, sich mit dem Finger im Hals um den Hauptgang zu erleichtern – nur um danach noch fröhlich den leckeren Nachtisch verputzen zu können. In  einer „Drugs, Sex & Rock’n’Roll“-Orgie dürfte es aber wohl trotzdem nicht jedes Mal ausgeartet sein.

Unterhaltung & Spaß bei Tisch

Bleiben wir beim römischen Gastmahl, denn: Hier darf auch ein Unterhaltungsprogramm nicht fehlen – schließlich wollen die Gäste ja bespaßt werden. Während sich die nämlich auf ihren Liegen und Récamieren durch einen Gang nach dem anderen arbeiten, zieht der Gastgeber alle Register: Und klatscht nacheinander Schauspieler, Sänger, Dichter und Tänzer herein.

Um ja nichts dem Zufall zu überlassen, gibt es auch einen offizellen „Showmaster“, der die fröhliche Runde durch den Abend führt. Meistens kommt dabei ein Gast zum Handkuss, der zum so genannten Magister bestimmt wird.

Seine Aufgabe ist es, zur richtigen Zeit die richtigen Trinksprüche aufzusagen, die Gäste zu kleinen Darbietungen und Quizzrunden zu animieren, eingeschlafene Gesprächsrunden mit prickelnden neuen Themen zu befeuern und dafür zu sorgen, dass die Sklaven beim Weinnachschenken nicht trödeln. Klingt anstrengend? Ist es bestimmt auch. Andererseits: Nach dem dritten Glas Wein dürfte die Runde wohl auch von selbst Fahrt aufgenommen haben…[1]


[1] Nachlesen könnt ihr alle Details aus meinem Beitrag in B. Cech, Lukullische Genüsse (2014).

PrintFriendly and PDF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.